Mit Corona bedingter einjähriger Verspätung begeht die Erich Kästner-Schule in Bochum im Schuljahr 2021/22 die Feierlichkeiten zum 50 jährigen Bestehen. Über die Festaktivitäten der ersten Gesamtschule Bochums berichtet der Schulleiter.

DR. LUDGER JONISCHEIT

Kunst, Kästner, Festakt, Schulfahrt“

 

Den Auftakt zum Festjahr markierte eine Vernissage des Kunst- und Kulturzweiges am 07.10.2021. Der älteste Profilzweig der Schule präsentierte aktuelle künstlerische Arbeiten der Jahrgangsstufen 5-13 sowie spannende Mitmachangebote. Am 27.01.2022 folgte ein „Kästner-Abend“ zu Ehren ihres Namensgebers. Dargeboten wurden Lieder, Gedichte und Theaterstücke zum Leben und Werk Erich Kästners. Gestaltet hatten den Abend ehemalige Kolleginnen und Kollegen sowie Schülerinnen und Schüler der „Darstellen und Gestalten“ - Kurse. Die Projektwoche vom 4.4.-8.4.2022 zum Thema „EKS früher – EKS heute“ mündete nach brillanten Präsentationen und einem tollen Ergebnis des Solidaritätslaufs – es konnten über 13.000 € an das Misereor-Projekt für Straßenmädchen in Nairobi überweisen werden - in einem beeindruckenden Festakt. Gleichsam Höhepunkt und Abschluss der Festivitäten wird eine gemeinsame Schulfahrt der gesamten Schulgemeinde vom 29.8 bis 1.9.2022 in die Nähe von Amsterdam sein. Schulgemeinde, das heißt: 1400 SuS und 150 KuK! Wir sind sehr gespannt!


Aus den Anfängen: Chancengleichheit

 

1971 erschien in den Ruhrnachrichten ein bemerkenswerter Aufruf: „Die Universitätsstadt Bochum hat am 1.8.1971 eine integrierte Gesamtschule errichtet. Diese Gesamtschule umfasst zurzeit 9 Klassen des 5. Schuljahres. Am 1.8.1972 nimmt sie weitere 9 Klassen auf.“ Die Anzeige zeigt: Die erste Gesamtschule Bochums erfreute sich riesiger Nachfrage – 9zügig hört sich nicht nur eindrucksvoll an. Und: Die Bochumer Schullandschaft wurde – nach den ersten Gesamtschulgründungen in NRW von 1969 – dadurch entscheidend erweitert.

Die Gründungsnachfrage klingt heute noch atemberaubend: Im Februar 1973 wurden für das darauffolgende Schuljahr 1561 Anmeldungen verzeichnet, nur 288 Kinder konnten aufgenommen werden. Das waren 10 Parallelklassen im 5. Jahrgang: Die Schule boomte. Folgerichtig wurde im September 1975 der Gesamtschulneubau bezogen. Im Oktober 1979 erreichte die Gesamtschule Bochum ihre größte Auslastung: 2040 Schülerinnen und Schüler haben hier gleichzeitig gelernt: wir waren vollständig 10-zügig!

Es sollte eine Schule für alle Kinder und Jugendliche geschaffen werden, an der die soziale, kulturelle und ökonomische Herkunft nicht über die Lebensperspektiven entscheidet. Getreu diesem Motto hat auch die Gesamtschule Bochum – wie die Erich Kästner-Schule bis 1984 hieß - neue didaktische Konzepte und Methoden entwickelt und damit die vielfältige Schullandschaft der heutigen Zeit ein Stück weit mitgestaltet. Vieles hat sich in den letzten 50 Jahren weiterentwickelt, so wie das Schulgebäude: Der ursprünglich 10zügig ausgelegte Neubau der 70er Jahre wurde 2011 durch einen modernen Campusbau für eine sechszügige Gesamtschule ersetzt. Die Riesenschulen hatten sich weitgehend überlebt. Was geblieben ist, ist das Suchen und Fortentwickeln eigener Konzepte. Die Umsetzung der Chancengleichheit, den Erziehungsstil oder die Unterrichtsmethodik bestimmten und bestimmen die meist mit viel Herzblut bestimmten Diskussionen, die in den ersten Jahren in wöchentlichen, oft mehrstündigen (!) Lehrkräftekonferenzen ihren Ort fanden.

Eine Schule für alle 2022

Heute ist die Erich Kästner-Schule neben fünf weiteren Gesamtschulen im Bochumer Schulsystem etabliert. Gesamtschulplätze gibt es dennoch zu wenig, jedes Jahr müssen Schülerinnen und Schüler trotz Gesamtschulwahl andere Schulformen besuchen. Die Erich Kästner-Schule ist natürlich „Schule des gemeinsamen Lernens“ und nahm bzw. nimmt – gestern wie heute – selbstverständlich Flüchtlingskinder aus dem Balken, aus Syrien sowie aktuell aus der Ukraine auf und integriert sie in die bestehenden Schulklassen. Sie ist sich ihrer sozialen Verantwortung auch als „Schule ohne Rassismus“ oder als „Misereor Partnerschule“ bewusst. Das Leitbild der Erich Kästner-Schule als „Gesunde Schule“ ist nach der Jahrtausendwende mehrfach zertifiziert worden: Deutscher Schulpreis 2012, Schulentwicklungspreis NRW „Gute Gesunde Schule“ 2008, 2009, 2010, 2012, 2014, 2017, 2020, Berufswahlsiegel 2006-2009, 2010-2023, MINT-freundliche Schule 2021, Europabanner der Europaunion 2012 und Schulbaupreis NRW 2013 sind Beispiele dafür. Was ist an unserer Schule besonders gesund? Nun, das Wesentlich dürfte sein: „Kein Kind verlässt die Schule ohne Schulabschluss!“ und „Die Kinder kommen gerne zur Erich Kästner-Schule!“ Kurzum: Die Erich Kästner-Schule war früher und ist heute eine Schule für alle.

Festakt am 8.4.2022

Diese 50 Jahre wurden vor den Osterferien in einer Projektwoche und der Präsentation fantastischer Projektergebnisse gewürdigt. An den Projekttagen konnte eine entspannte, engagierte, leistungsfreie und soziale Atmosphäre unter den Schülerinnen und Schülern wahrgenommen werden, die allen Beteiligten nach zwei Jahren „Coronabeschulung“ guttat. Beim anschließenden offiziellen Festakt konnten neben dem Kollegium, den Klassensprecherinnen und Klassensprechern sowie Eltern viele Gäste begrüßt werden: Vertreterinnen und Vertreter des Schulministeriums, der Bezirksregierung Arnsberg, der Stadt Bochum, aus Politik, Verbänden und Partnerorganisationen und verschiedener Grund- und Gesamtschulen. Sie alle erfreuten sich an einem bunten Programm: Nach einer launigen Annährung an die Anfangsjahre durch Schulleiter Ludger Jonischeit und Stellvertreterin Ute Dörnemann hielt Schulministerin Yvonne Gebauer die Festrede, in der sie geschickt Parallelen aus Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“ und der aktuellen Situation der Schule herstellte. Ein bewegender Beitrag war die Rede von Bürgermeisterin Gaby Schäfer, die selbst als Elternteil die Geschicke der Schule lange begleitet hatte und beeindruckende Details aus der Schulentwicklungsgeschichte beitragen konnte. Eine Talkrunde mit ehemaligen Eltern, Schülern und Kolleginnen rundete ein faszinierendes und gelungenes Erinnerungsbild ab. Gerahmt wurden die Reden und Diskussionsbeiträge von mitreißenden musikalischen Beiträgen der Schulband, der Lehrkräfteband und vom „Ensemble Ristretto“. Herausragend auch die Schülerbeiträge der Klasse 5/3 (Kreative Gedichtpräsentation: „Meine EKS-Gedichte“) und der „Darstellen und Gestalten“ - Kurse der Jahrgänge 8 und 10 (Gedichtperformance: „My own song“), die zum Schmunzeln und Nachdenken Anlass boten. Grüße aus den Erasmus-Partnerschulen in Italien, Spanien und Polen rundeten die kurzweilige Veranstaltung ab, in der Lena Reuter, Moderatorin und Dozentin für Interviewführung aus Mainz professionell und empathisch durch das Programm führte und die Talkrunde kompetent gestaltete.

Nach diesem abwechslungsreichen Bühnenprogramm sorgte ein gemeinsamer Empfang für einen freudvollen Abschluss und nachhaltigen Austausch. Dank des tollen Einsatzes der „Knusperstubenmütter“, die die Erich Kästner-Schule in verschiedenen Besetzungen die seit über 30 Jahren unterstützen, fehlte es nicht kulinarischen Genüssen.

Anekdoten

Zum Abschluss meiner Annäherung an 50 Jahre EKS möchte ich zum Schmunzeln sechs Anekdoten der Anfangsjahre (1970-72) präsentieren, die sich aus den vollständig erhaltenen Protokollen der ersten Lehrkräftekonferenzen herauslesen lassen:

  1. Referendare dürfen noch nicht offiziell an Gesamtschulen beschäftigt werden. Ausnahmen sind mit entsprechender Sorgfalt durchzuführen.“

  2. Ein Kollege ist als Hasch-Experte nach Arnsberg zu melden!“

  3. Autos dürfen nicht auf den Zufahrtswegen zur Schule geparkt werden, wegen der Müllabfuhr.“

  4. Ich erinnere mich noch, dass wir manche Konferenz bis nachts halb elf dauern ließen, obwohl wir am nächsten Tag wieder Unterricht hatten. (…) Wir waren alle verrückt.“

  5. Wenn Eltern z.B. die Mengenlehre für Unsinn halten, wird die Motivation des Schülers dem entsprechen. Hier ist „Mathematik für Eltern“ ein Ansatz zur Änderung.

  6. Die Klasse 5/5 schreibt an das Lehrkräftekollegium: „Wir haben beschlossen, dass die Eltern von den Konferenzen ferngehalten werden und dass die Kinder genau so viel Stimmrecht wie die Lehrer haben, weil die Eltern meistens mit den Meinungen der Lehrer übereinstimmen.“

Vieles hat sich zum Glück weiterentwickelt!

 

Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! - Homepage: w.w.w.eks-bochum.org

Dr. Ludger Jonischeit, Schulleiter der Erich Kästner-Schule in Bochum

 

 

BILD 1: Festrede von Frau Ministerin Yvonne Gebauer

Foto: Patricia Krahl

BILD 2: Rede von Bürgermeisterin Gaby Schäfer
Foto: Patricia Krahl

BILD 3: Lehrkräfteband
Foto: Patricia Krahl

BILD 4: Ensemble Ristretto
Foto: Patricia Krahl

BILD 5: Talkrunde mit Lena Reuter

Foto: Patricia Krahl50

BILD 6: Klasse 5/3: „Meine EKS“
Foto: Patricia Krahl

BILD 7: Dr. Ludger Jonischeit
Foto: Gerald Nadzik